Frauenfiguren

 

„Stefanie Gregg - Erst ein psychologischer Kriminalroman, dann ein Regionalkrimi und jetzt ein Bulgarienroman.“

 

So wurde ich vor kurzem bei einer Lesung eingeführt.

 

Was vielleicht formal unterschiedlich klingt, hat doch einen roten Faden, der mich durchgehend durch alle Genres interessiert und beschäftigt, den ich verfolge, in seine Bestandteile aufdrösele und in verschiedenen Formen und Farben wieder zu einem Ganzen zusammenfließen lasse:

Mich interessieren Frauenfiguren, die unterschiedlichen Biographien von Frauen, ihre Art, mit dem Leben umzugehen, sich mit sich, den Menschen und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Es ist eine spezifisch weibliche Art, mit der sie das tun. Mit Emotionen, Gespür, Ängsten, mit Lebensmut und Verzweiflung, mit Freude und Trauer, mit Intelligenz und Durchsetzungskraft. Mich interessiert, wie Frauen groß werden in Gesellschaften, die noch immer männlich bestimmt sind, mich interessiert, wie Frauen agieren in einer Umgebung, die oft das Männliche für das einzig richtige Mittel zum Durchsetzen hält. Mich interessiert, wie unterschiedlich Frauen sind, und wo doch etwas gemeinsam spezifisch Weibliches ist.

Mich interessieren Frauenfiguren.

 

 

In meinem ersten Roman, „Bienentod“, agieren zwei interessante Frauen.

Esther scheint auf den ersten Blick die perfekte Frau zu sein. Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, sie ist eloquent, der charmante und kluge Mittelpunkt jeder Party. Keiner der Partygäste hält für möglich, dass sie nach solch einem öffentlichen Auftritt zuhause fast zusammenbricht, dass ihr tatsächlich ihre Ängste und Manien jedes normale Leben unmöglich machen. Keiner sieht ihr an, welche Krankheit sie mit sich herum trägt. Es ist eine Krankheit, von der fast 2% der Menschen betroffen sind, hauptsächlich Frauen: das Borderline Syndrom. Was muss geschehen, damit Frauen eine solche schwere, psychische Störung entwickeln? Woher kommt diese Krankheit und wie äußert sie sich? Wie kommen diese Frauen in ihrem Leben zurecht? – Das sind Fragen, die mich interessieren und denen ich nachgehe, wenn ich solche Frauenfiguren in meinen Romanen zum Leben erwecke.

Als Gegenfigur steht Christina, die im Buch ‚einfach verschwunden’ ist und nach der Esther sich auf die Suche macht. Christina wirkt lebensfroh und einfach, klar und sympathisch. Doch auch sie trägt eine Lebensgeschichte mit sich, die erklärt, warum sie ihr persönliches Glück in der scheinbaren Idylle eines Bauernhofs suchen muss. Auch sie hat eine Historie, die sie dorthin treibt, wo sie nun steht. Auch sie sucht ganz spezifisch weiblich ihren Weg.

 

 

Doch Frauen müssen nicht immer psychologisch schwierig, komplex und hintergründig schwermütig sein. In der Lotte vom „Tod beim Martinszug“ wird eine ganz andere Frauengestalt dargestellt. Lotte ist auch eine Frau – und was für eine! Von jeder weiblichen Ausprägung hat sie ein paar mehr als üblich. Und das bezieht sich nicht nur auf ihre fülligen, weiblichen Proportionen, sondern auch auf ihre Wesensmerkmale: eine echte Frau, die ihren Mann liebt, die ganz traditionell das Familienleben voranstellt und auch in der heutigen Welt noch offen dazu steht. Eine Frau, die gerne ihrem Mann das Essen kocht, die sich liebevoll, aber zugegebenermaßen gluckenhaft um ihre geliebten Kinder kümmert, die sich wunderbar in ihrem Kleinstadtleben zwischen Sportverein und Schützenhaus zurechtfindet. Ganz klischeehaft?  Ja, und nein, denn all diese Klischee füllt sie mit vielen weiblichen Differenzierungen aus. Sie hat gut gepflegte Vorurteile gegenüber Homosexuellen, aber, wird sie damit konfrontiert, kann sie sich sehr wohl über alle ihre eingespielten Meinungen hinwegsetzen, die Augen aufmachen und etwas ganz anderes als erwartet sehen. Für das, was sie für nötig und richtig hält, ist sie bereit sich einzusetzen, koste es sogar das Eheglück oder Zeit für die Kinder. Sie ist bereit sich auseinanderzusetzen mit Problemen, mit Neuem. Sie denkt nach, hinterfragt und lässt sich auf Neues ein. Dass in meiner Lotte dann oft eine „Miss Marple – Figur“ gesehen wurde, habe ich immer mit Freude gehört. Eine traditionsbewusste, kleinstädtische Frau, die bei Bedarf weibliche Intelligenz, Neugier und Willenskraft einsetzt. – Und wieder ein ganz anderes Frauenmodell, das es aber auch gibt – und das nicht zu selten!

 

 

Und schließlich taucht in "Duft nach Weiß“ ein bulgarisches Mädchen auf. Wie in einem Entwicklungsroman darf der Leser dieses Kind als Fünfjährige kennenlernen, wo sie unbedarft kindlich der Mutter ein letztes Mal zuwinkt, bevor diese auf Nimmerwiedersehen nach Deutschland verschwindet. Zwischen Schafen und Knoblauchgeruch wächst Anelija bei den Großmüttern auf, bis sie merkt, dass der verheißungsvolle Duft des weißen Briefpapiers, auf dem die Mutter aus Deutschland schreibt, sie fort von der Heimat hin in ein anderes, freieres Land zieht. Sie ist bereit, unter Todesgefahr, alles dafür einzusetzen, um in dieses Land der Sehnsucht zu gelangen. Warum ist eine junge Frau bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um in ein Land zu gelangen, in dem man frei denken, sprechen und schreiben kann?  Wann entscheidet sich jemand, nicht den vorgezeichneten Weg zu gehen, sondern eine andere Abzweigung zu wählen? Auch dies ist eine Frauenfigur, die mich sehr interessiert. - Mit vielen Bulgarinnen habe ich gesprochen, die in Deutschland leben und viele, unterschiedliche Lebensgeschichten führen oft zu solch folgenschweren Entscheidungen.

 

Solche Lebenswege nachzuzeichnen sind für mich der Impetus für meine Bücher.

 

Frauen, stark und verletzlich, emotional und rational, sozial und einsam – sie gehen ihren Weg, auf eine doch weibliche Art und Weise.

 

Das interessiert mich!

 

 

Stefanie Gregg, März 2016

 

P.S. (Jan. 2017):

Nun kommt auch noch Isabel hinzu, die sich in "Mein schlimmster schönster Sommer" nach einer verheerenden Krebsdiagnose einfach einen Bulli kauft und losfährt. Zusammen mit ihrem Begleiter erlebt sie skurrile, todtraurige und aberwitzige Situationen. Sie findet sich selbst - und die Liebe.

Ja - schon wieder eine Frauenfigur - und was für eine!

 

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Video-Rezension vom "Duft nach Weiß"